Weibliches Brustbild (Mänade?)
Weibliches Brustbild (Mänade?)
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| Inventar Nr.:
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KP B XVI. Tab. B-III-20 |
| Bezeichnung:
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Weibliches Brustbild (Mänade?) |
| Künstler / Hersteller:
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unbekannt
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| Datierung:
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um 1600 |
| Objektgruppe:
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Gemme / Kamee |
| Geogr. Bezug:
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Oberitalien |
| Material / Technik:
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Relief porzellanweiß, an manchen Stellen ins Rosa gehend; befestigt auf hellbraun-grauer Achatplatte |
| Maße:
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4 x 3,28 x 0,71 cm (Objektmaß)
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Katalogtext:
Die vorliegende Kamee zeigt ein qualitätvolles, fein ausgearbeitetes weibliches Brustbild, in Dreiviertelansicht von vorn. Kopf und Hals im Profil nach links, in dünnem, enganliegendem Gewand mit tiefem ovalem Ausschnitt mit umgeschlagenem zackenartigem Rand auf der linken Seite. Die Frisur ist kunstvoll in breite wellenartige Strähnen nach oben und hinten gezogen, darauf ein Diadem oder Stirnband. Im Nacken ein kleiner abstehender Knoten, mit einem schmalen Band gebunden. Eine lange gedrehte Locke fällt jeweils links und rechts vom Nacken zur Brust.
Völkel nennt die Dargestellte im Inventar "Faustina II., M. Aur. Antonini Gemahlin", Pinder schränkt ein "Weibliches Brustbild, vielleicht Faustina".
Hier wird eine andere Identifizierung vorgeschlagen: Die beiden rosettenartigen Blätter im Haar können als Efeu interpretiert werden und die Dargestellte damit als Mänade. Weber bestimmt ein verwandtes Brustbild mit "Weinlaubkranz (Ariadne?)" aus der Münchner Sammlung als oberitalienisch und datiert es um 1600 (Weber 1992, Nr. 133). Bei dieser Kat.Nr. erwähnt sie auch das Kasseler Stück unter der Rubrik "Mänade" und, daß "das Sujet in der Renaissance beliebt war und auch variiert wurde ... Im Typus verwandt sind ... sowie Kameen in Wien und im Hessischen Landesmuseum Kassel (z. B. B-III-20)." Zahlreiche weibliche Brustbilder in verschiedenen Varianten fallen bei Weber 1992 auf: Nr. 54, 56, 57, 125 mit einer Datierung in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, dann nochmals eine Gruppe von weiblichen Brustbildern - dort Nr. 126, 127, 128, 133 (als Ausnahmen um 1600 datiert) - sowie Nr. 135, 136 und 138 mit einer Datierung in den Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Datierung wirkt bei dieser Gruppe auffallend unsicher.
Am ähnlichsten erscheint mir das Brustbild bei Weber (Weber 1992, Nr. 56) mit derselben langen gedrehten Haarlocke, den beiden kleinen Haarlocken vor dem Ohr, der Haarbehandlung insgesamt und dem verwandten Profil mit dem charakteristischen Gesichtsausdruck, man könnte dabei an dieselbe Werkstatt denken. Ähnlich verwandt erscheint eine weitere Kamee der Münchner Sammlung (Weber 1992, Nr. 126) mit derselben Technik eines ausgeschnittenen Brustbilds aus Chalcedon, das gleichfalls auf einer Platte befestigt ist. Weber deutet bei Nr. 56 eine Stilverwandtschaft mit Nr. 55 an, dies kann jedoch nicht nachvollzogen werden.
Problematisch scheint nicht nur die Datierung dieses Frauentyps, sondern auch deren Identifizierung. Weber bestimmt die oben erwähnte Kamee (Weber 1992, Nr. 133) als "Weibliches Brustbild mit Weinlaubkranz - Ariadne?". Das "Weinlaub" jedoch ist eher als Efeu zu bestimmen. Weber erwähnt die Verwandtschaft zum Typ der Mänade, die als Attribut das Efeublatt aufweist. Babelon identifizierte auf einem Kameo der Bibliothèque Nationale in Paris (Babelon 1894, Fig. 180) denselben Typ mit Efeukranz als Darstellung der berühmten Dichterin Vittoria Colonna, Schülerin von Petrarca und Muse des Michelangelo, geschmückt mit der Dichterkrone, entblößt wie eine Amazone. Dieselbe Kamee mit weiteren Erläuterungen zu dem literarischen Emblem und der Lebensbeschreibung von Vittoria Colonna, die 1490 geboren wurde und mit 17 Jahren den Marchese di Pescara geheiratet hat, ist bei Babelon 1897 (Nr. 948, Taf. 68) abgebildet. Die Zuschreibung hält Babelon durch Medaillenvergleich für gesichert. Unsere Kamee dürfte als eine freie Variante davon abstammen.
Stand: April 2006
Inventare:
- Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., Nr. Tab. I. 20.
- Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. III. 20.
- Gemmenliste ohne den Pretiosenbestand, aufgestellt von Eduard Pinder zwischen 1882 und 1897. SMK, Archiv HLM. 1882-1897, Nr. Tab. I. 20.
Literatur:
- Ernest Babelon: La gravure en pierres fines, camées et intailles. Paris 1894, S. 252, Kat.Nr. Abb. 180.
- Ernest Babelon: Catalogue des camées antiques et modernes de la Bibliothèque Nationale. Paris 1897, Kat.Nr. Nr. 948, Taf. LXVIII.
- Ingrid S. Weber: Kostbare Steine. Die Gemmensammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz. München 1992, Kat.Nr. 133, Nr. 54-57, 126-128, 135-136, 138 (Vergleich).
Letzte Aktualisierung: 16.03.2026