Brustbild Christi, im Profil



Brustbild Christi, im Profil


Inventar Nr.: KP B XVI. Tab. B-II-1
Bezeichnung: Brustbild Christi, im Profil
Künstler / Hersteller: Miseroni-Werkstatt
Datierung: Anfang 17. Jh.; Fassung zeitgleich
Objektgruppe: Gemme / Kamee
Geogr. Bezug: Mailand oder Prag
Material / Technik: dunkelgrün mit roten Einschlüssen
Maße: mit Fassung 4,91 x 3,64 x 0,72 cm (Objektmaß)
Höhe 5,61 cm mit feststehender Öse (Objektmaß)
Beschriftungen: Aufkleber: rückseitig Aufkleber (Typ C): "624";


Katalogtext:
Ein fein ausgearbeitetes Brustbild Christi ist ins Profil nach links gewendet, mit Oberlippen-, Wangen- und spitz verlaufendem Kinnbart. Die differenzierte Modellierung der Wangenknochen und Erhöhung der Augenbrauen verrät einen bedeutenden Steinschneider. Auf dem lang herabwallenden gelockten Haar eine Dornenkrone mit ausgeprägten Stacheln. Über dem gefältelten Gewand mit rundem Ausschnitt ein Umhang mit breiter verlaufenden Falten.
Der weit verbreitete und vielfach variierte Christus-Typus wurde zumeist in Heliotrop gearbeitet, da sich der dunkelgrüne Stein mit den roten Einschlüssen, den geheimnisvollen "Blutstropfen", besonders zur Andacht eignete. Teilweise wurden die roten Einschlüsse unmittelbar zur Darstellung von Blutstropfen verwendet. Prägend für den Typus, auch in der Steinschneidekunst, war sicherlich eine signierte Christus-Medaille (R.-A. Schütte, in: AK Wien 1988, Nr. 487) des Antonio Abondio (1538-1591), der zum Kreise Rudolfs II. gehörte und sicherlich sein bester Medailleur war. Abondio war auch in Augsburg und arbeitete in München für Herzog Wilhelm V. von Bayern. Sein prägender Christustyp geht zurück auf die Vera Icon in Rom.
Bei dem hier besprochenen Steinschnitt läßt das gewellt fallende Haar die differenziert geformten Ohrmuscheln im Gegensatz zu dem Abondio-Vorbild frei.
Ein weiterer Kasseler Kameo (B XVI. Tab. B-II-3) mit einer verwandten Christusdarstellung ist abweichend nach rechts gewandt, der Schulterabschluß ist variiert, das Relief plastischer gestaltet. Trotz des flacheren Reliefs zeigt der hier besprochene Kameo in seiner fein modellierten Durchgestaltung der Gesichtszüge eine erstaunliche Körperlichkeit und Qualität. Sicherlich aufgrund seiner hohen Qualität bekam das Medaillon eine kostbare und zierliche Goldfassung, die das dunkle Grün des Heliotrops in dem grün emaillierten und mit feinem Golddraht umwickelten Reif aufnimmt.
In der Münzsammlung in München befindet sich eine doppelseitige Heliotropkamee mit einer Variante dieses Christustyps (Weber 1992, Nr. 114). Weber sucht den Künstler wegen der hohen Qualität unter den namhaften Italienern des frühen 17. Jahrhunderts und schreibt den Münchner Kameo aufgrund des ähnlichen Faltenstils der Marienrückseite mit einem signierten Werk ("Maria Magdalena": Kris 1929, Nr. 611) dem Ottavio Miseroni (um 1568-1624) oder dessen Prager Werkstatt zu und datiert ihn "um 1600".
Zahlreiche Blutsteine mit demselben Christustypus sind dem Kasseler Kameo so eng verwandt, daß man an dieselbe Hand oder zumindest an dieselbe Werkstatt denken muß. Bei der Miseroni-Werkstatt käme der sehr viel länger lebende Bruder des Ottavio Miseroni, nämlich Alessandro Miseroni (um 1573-1648), in Frage (R. Distelberger, in: AK Wien 2002, S. 245). Er war von 1605 bis 1612 in kaiserlichen Diensten (Kris 1929, S. 142, Anm. 12). Ein genau übereinstimmendes Exemplar des Kasseler Christustyps befindet sich in Paris (Babelon 1897, Nr. 408). Die Sammlung Milton Weil im Metropolitan Museum in New York (Kris 1932, Nr. 37) enthält einen verwandten Kameo. Ein ähnliches Stück mit einem Pendant der Maria ist in Wien (Kris 1929, Nr. 622/183 und 621/183; Eichler/Kris 1927, Nr. 415-419). Derselben Gruppe ist ein Exemplar in Paris zuzuordnen (Babelon 1897, Nr. 409), das Eichler/Kris für den bedeutendsten und frühesten Kameo dieser Gruppe (Eichler/Kris 1927, Nr. 415) hält. Weitere Exemplare befinden sich in Braunschweig (Schütte 1997, Nr. 142), in London (Dalton 1915, Nr. 23), St. Petersburg (AK Paris 2000, Nr. 213/29; Nr. 198/14) und anderen europäischen Sammlungen.

Stand: April 2006


Inventare:
  • Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., Nr. Tab. VI. 1.
  • Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. II. 1.
  • Verzeichniß der im Pretiosen Schrank befindlichen Gegenstände. / In dem folgenden Verzeichniße sind alle Gegenstände beschrieben, die sich gegenwärtig (1827) im Pretiosen Schrank befinden. [...] Dr. Völkel. SMK, Archiv HLM. 1827, Nr. B II. 624.
  • Verzeichniß der aus der Gemmen=Sammlung in den Preziosenschrank versetzten geschnittenen Steine und Muscheln, die unterstrichenen sind nicht gefaßt, Cassel, den 19. April 1881. A. Lenz. SMK, Archiv HLM. 1881, Nr. V. 624.
Literatur:
  • Ernest Babelon: Catalogue des camées antiques et modernes de la Bibliothèque Nationale. Paris 1897, Kat.Nr. Nr. 408, Taf. XLVIII, Nr. 409, Taf. XLIX.
  • Ormonde Maddock Dalton: Catalogue of the engraved gems of the post-classical periods in the Department of British and Mediaeval Antiquities and Ethnography in the British Museum. London 1915, Kat.Nr. Nr. 23, Taf. I.
  • Fritz Eichler; Ernst Kris: Die Kameen im Kunsthistorischen Museum (Publikationen aus den Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Bd. II). Wien 1927, Kat.Nr. Nr. 415-419, Taf. 59, 61.
  • Möbius, Hans: Kameenschmuck im hessischen Landesmuseum. In: Gold - Silber - Eisen. Festschrift. (1929), S. 252-254, S. 59, Kat.Nr. Taf. 16d.
  • Kris, Ernst: Meister und Meisterwerke der Steinschneidekunst in der italienischen Renaissance. Wien 1929, S. 142, Kat.Nr. Nr. 622/183; Nr. 621/183.
  • Ernst Kris: Catalogue of postclassical cameos in the Milton Weil collection. Wien 1932, Kat.Nr. Nr. 37, Taf. XV.
  • Ingrid S. Weber: Kostbare Steine. Die Gemmensammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz. München 1992, Kat.Nr. 114.
  • Schütte, Rudolf-Alexander: Die Kostbarkeiten der Renaissance und des Barock. Pretiosa und allerley Kunstsachen aus den Kunst- und Raritätenkammern der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg aus dem Hause Wolfenbüttel. Braunschweig 1997, Kat.Nr. Nr. 142.


Letzte Aktualisierung: 16.03.2026



© Hessen Kassel Heritage 2026
Datenschutzhinweis | Impressum