Halbfigur des Evangelisten Johannes
Halbfigur des Evangelisten Johannes
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| Inventar Nr.:
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KP B XVI. Tab. B-II-11 |
| Bezeichnung:
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Halbfigur des Evangelisten Johannes |
| Künstler / Hersteller:
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unbekannt
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| Datierung:
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vor 1000 |
| Objektgruppe:
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Gemme / Kamee |
| Geogr. Bezug:
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Byzanz |
| Material / Technik:
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Heliotrop, dunkelgrün mit schmalen rostroten Partien |
| Maße:
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3,72 x 3,31 x 0,98 cm (Objektmaß)
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Beschriftungen:
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im Feld links: "Γ / Θ / ιω" (griechische Beischrift); im Feld rechts: "O / ΘE/OC" (griechische Beischrift); auf der Rückseite ganzseitig: (ein zweischenkliges Kreuz, darunter kleiner Querstrich und Punkt);
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Katalogtext:
Die Kasseler Sammlung besitzt eine kleine, aber sehr bedeutende Gruppe von byzantinischen Kameen des 10. bis 13. Jahrhunderts. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren sie in der landgräflichen Sammlung im damaligen Kunsthaus, heute Naturkundemuseum im Ottoneum, vorhanden.
Die byzantinischen Steinschnitte können nach Materialien in Gruppen unterteilt werden, die auch für die Frage ihres Entstehungsorts aussagekräftig sind. Drei Kameen bestehen aus Heliotrop, einem grünen Chalcedon, dessen rote Adern schon früh Assoziationen an das am Kreuz vergossene Blut Christi weckten (engl.: „boodstone“) und der deshalb oft für Christusdarstellungen genutzt wurde. Heliotrop ist ein typischer Stein für byzantinische Glyptik, Imitationen aus anderen Kunstkreisen sind nicht bekannt. Anders liegt der Fall bei den fünf Kameen aus Sardonyx. Dieser Schmuckstein mit der charakteristischen zweifarbigen Schichtung, der eine dunkle Figurendarstellung vor einem hellen Hintergrund ermöglicht, wurde im frühen 13. Jahrhundert auch in Italien für Kameen verwendet, unter anderem für Imitationen byzantinischer Werke. So beruht die heutige Zuweisung der Kasseler Sardonyx-Kameen vor allem auf ikonographischen, also die Bildtradition betreffenden Überlegungen, die nach Byzanz weisen.
Von besonderem Interesse ist eine Heliotrop-Kamee mit Darstellung des Evangelisten Johannes, die vermutlich vor 1000 entstanden ist. Johannes mit großem Nimbus und Vollbart hält in der verhüllten Hand das Evangelium, auf das er mit seiner rechten Hand deutet. Die Figur des Heiligen wirkt merkwürdig geglättet und abgerieben, was Hans Wentzel für diese und eine weitere vergleichbare Kamee darauf zurückführte, dass sie beträchtliche Zeit „gebraucht“, also als Schmuckstück getragen worden seien. Anthony Cutler konnte am Beispiel von Elfenbeinmedaillons zeigen, wie ein solcher „Gebrauch“ in der kultischen Praxis und Privatfrömmigkeit des mittelalterlichen Byzanz ausgesehen haben könnte. Bildwerke wurden angefasst, geküsst, manchmal auch berieben oder ständig am Körper getragen, wie charakteristische Spuren an mehreren Beispielen nahelegen (Cutler 1994, S. 23-29, bes. S. 29). Auch ihre Verwendung als Talisman oder Amulett scheint denkbar. So besagt die Umschrift auf der Silberfassung einer Heliotrop-Kamee in Paris, dass dieser Stein Blutungen verhüten könne (Wentzel 1959, S. 14). Auf eine mit Jenseitsvorstellungen verknüpfte Schutzfunktion von Heliotrop-Kameen könnte der Fundzusammenhang einer heute in Münchener verwahrten Kamee mit einer Christus-Darstellung hindeuten, die deutliche Abriebspuren in dessen Gesicht aufweist: Sie wurde in einer Kirche in Slavkovica, Serbien, als Grabbeigabe in der Hand eines Skeletts entdeckt und zeigt, wie groß die Bedeutung solcher steinerner Abbilder für den Gläubigen gewesen sein muss (Kat. München 2004, S. 335). So könnten die „Gebrauchsspuren“ der Kasseler Kamee auf eine ähnlich intensive Verwendung oder Verehrung durch ihren mittelalterlichen Besitzer zurückgehen.
Für die Landgrafen von Hessen-Kassel dürfte die religiöse Funktion byzantinischer Kameen allerdings eine keine Rolle gespielt haben. Vermutlich wurden sie als Teil eines größeren Konvoluts erworben, vielleicht zusammen mit der umfangreichen Sammlung Capello aus Venedig, die Landgraf Carl in den Jahren 1700 und 1710 für Kassel ankaufte. Unter den rund 2500 Kameen der damaligen landgräflichen Sammlung, die allen Epochen entstammten, bilden sie eine verschwindend kleine Gruppe, deren außerordentliche Bedeutung erst im 20 Jahrhundert erkannt wurde.
Inventare:
- Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., S. Tab. VI. 11.
- Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. II. 11.
- Gemmenliste ohne den Pretiosenbestand, aufgestellt von Eduard Pinder zwischen 1882 und 1897. SMK, Archiv HLM. 1882-1897, Nr. Tab. IV. 26.
Literatur:
- Wentzel, Hans: Datierte und datierbare byzantinische Kameen. In: Festschrift Friedrich Winkler (1959), S. 9-21, S. 19, Abbildung S. 15, Kat.Nr. 9.
- Wentzel, Hans: Die byzantinischen Kameen in Kassel. Zur Problematik der Datierung byzantinischer Gemmen. In: Mouseion. Studien aus Kunst und Geschichte für Otto H. Förster (1960), S. 88-96, S. 90 f., Abbildung S. Nr. 85.
- Cutler, Anthony: The hand of the master. Princeton 1994, S. 22-29.
- The Glory of Byzantium. Art and Culture of the Middle Byzantine Era ; A.D. 843 - 1261. New York 1997, S. 175, Kat.Nr. 127.
- Schmidberger, Ekkehard; Richter, Thomas; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: SchatzKunst 800-1800. Kunsthandwerk und Plastik der Staatlichen Museen Kassel im Hessischen Landesmuseum. Wolfratshausen 2001, S. 50, Kat.Nr. 9.
- Julian Gardner: "Magister Bertucius Aurifex" et les portes en bronze de Saint-Marc, un programme pour l'année jubilaire. In: Revue de l'Art 134, Heft 4, S. 9-26. 2001, S. 16, Kat.Nr. 19.
- Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe. Glanz, Krisen und Fortleben einer tausenjährigen Kultur. Stuttgart 2004, S. 335.
- Schnackenburg-Prael, Heidi: Bestandskatalog der nachantiken Kameen in der Sammlung Angewandte Kunst der Staatlichen Museen Kassel (Online-Kataloge der Staatlichen Museen Kassel). Kassel 2006, Kat.Nr. B XVI. Tab. B-II-11.
- Scherner, Antje [Bearb.]; Cossalter-Dallmann Stefanie [Bearb.]: Aus der Schatzkammer der Geschichte. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Petersberg 2016, S. 110, Abbildung S. 111, Kat.Nr. 46.
Letzte Aktualisierung: 17.03.2026