Doppelseitig: Weibliches Brustbild / Medusenhaupt
Doppelseitig: Weibliches Brustbild / Medusenhaupt
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| Inventar Nr.:
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KP B XVI. Tab. B-IV-22 |
| Bezeichnung:
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Doppelseitig: Weibliches Brustbild / Medusenhaupt |
| Künstler / Hersteller:
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unbekannt
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| Datierung:
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2. H. 16. Jh. |
| Objektgruppe:
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Gemme / Kamee |
| Geogr. Bezug:
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Frankreich |
| Material / Technik:
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dunkelblau; auf der Vorderseite an der Nasen-Kinn-Partie und an ihrer rechten Brust ein helleres Blau; an einigen Partien feine Goldglimmer-Einschlüsse |
| Maße:
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4,16 x 2,91 x 1,72 cm (Objektmaß)
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Katalogtext:
Dieser außergewöhnliche Lapislazuli beeindruckt nicht nur durch die tiefblaue Farbintensität, sondern ebenso durch die hervorragende Steinschneidearbeit des doppelseitig geschnittenen Steines.
Auf der Vorderseite ein weibliches Brustbild, den Blick leicht nach links oben gerichtet, die Pupillen angebohrt. Das Haar ist in der Mitte gescheitelt und in Strähnen gewellt nach hinten geführt, einzelne lange geringelte Locken fallen links und rechts auf die Schultern und nach vorne herab. Diese Korkenzieherlocken scheinen unten mit dem Gewand zu verschmelzen und könnten auch als eigenwillige Gewandumrandungsstreifen zu verstehen sein. Das gleichmäßig gefältelte Gewand mit spitzem Ausschnitt wird an den Schultern von einer Schließe gehalten.
Auf der Rückseite ein Medusenhaupt in Vorderansicht, Kopf und Blick leicht nach rechts gerichtet, Augen mit gebohrten Pupillen. Die Haare umgeben den Kopf mit stark nach oben gebauschten lockigen Strähnen. Flügel und Schlangen sind im Haar zu erkennen, jedoch nicht exakt zu separieren. Unter dem Kinn zwei nicht zusammengeführte, sozusagen ungeknotete Schlangenenden, die nach beiden Seiten volutenförmig auslaufen.
Völkel und Pinder sehen das Medusenhaupt als Vorderseite an und nennen es an erster Stelle. Die Entscheidung darüber ist schwierig, da beide Seiten eine hervorragende und gleichwertige Qualität aufweisen.
Das weibliche Brustbild auf der Vorderseite ist der bei Weber (Weber 1992, Nr. 79, Taf. III) abgebildeten Omphale stilverwandt. Der Münchner Kameo ist ebenfalls aus Lapislazuli, auffallend ähnlich sind die Augenbildung, die Art der linearen Mittelscheitelung der Haare, die charakteristischen Lockensträhnen, die wie ein geflochtenes Band am Schleier und am Schultertuch der Omphale auffallen. Man könnte an denselben Gemmenschneider oder dieselbe Werkstatt denken. Nach Weber "tendiert" die vorliegende Arbeit "mehr zum französischen Manierismus" (Weber 1992, Nr. 79). Zu dieser Gruppe gehört außerdem eine Minerva-Kamee der Bibliothèque Nationale in Paris (Hackenbroch 1979, Nr. 205 A). Sie ist ebenfalls aus Lapislazuli, ähnlich ist der Gesichtstypus mit dem scharfen Profil und den etwas herausquellenden Augen. Hackenbroch hält diesen Kameo ebenfalls für französisch und datiert ihn um 1550-1560.
Im Jahre 1674 erwarb Ludwig XIV. eine Lapislazuli-Kamee mit der sogenannten "Unbekannten", ein bedeutendes Stück (Babelon 1897, Nr. 1009, Taf. LXV). Dieses ist viel reicher an Dekor (Diadem, zweireihige Perlenkette), jedoch zeigt sich eine Stilähnlichkeit und eine Verwandtschaft in der Verschmelzung der Korkenzieherlocken mit dem Gewandstreifen.
Der Medusenkopf auf der Rückseite ist typenverwandt mit einer Medusa, die das hellenistische Vorbild zeigt und die den gleichen pathetischen Ausdruck hat (Furtwängler 1896, Nr. 11059).
Stand: April 2006
Inventare:
- Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., Nr. Tab. VII. 22.
- Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. IV. 22.
- Gemmenliste ohne den Pretiosenbestand, aufgestellt von Eduard Pinder zwischen 1882 und 1897. SMK, Archiv HLM. 1882-1897, Nr. Tab. II. 18.
Literatur:
- Adolf Furtwängler: Beschreibung der geschnittenen Steine im Antiquarium. Königliche Museen zu Berlin. Berlin 1896, Kat.Nr. Nr. 11059.
- Ernest Babelon: Catalogue des camées antiques et modernes de la Bibliothèque Nationale. Paris 1897, Kat.Nr. Nr. 1009, Taf. LXV.
- Yvonne Hackenbroch: Renaissance Jewellery. London/München 1979, S. 84, Kat.Nr. 205A.
- Ingrid S. Weber: Kostbare Steine. Die Gemmensammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz. München 1992, Kat.Nr. Nr. 79, Taf. III.
Letzte Aktualisierung: 17.03.2026