"Das Meerwunder" nach Albrecht Dürer



"Das Meerwunder" nach Albrecht Dürer


Inventar Nr.: KP B XVI. Tab. B-IV-46
Bezeichnung: "Das Meerwunder" nach Albrecht Dürer
Künstler / Hersteller: unbekannt
Datierung: Ende 16. Jh.
Objektgruppe: Gemme / Kamee
Geogr. Bezug: Prag (?)
Material / Technik: Figuren und Wellenband in weiß, dann ins Rosa übergehend, Hintergrund in transluzidem Hellgrau
Maße: 3,41 x 4,31 x 0,63 cm (Objektmaß)


Katalogtext:
Bei dieser qualitätvollen Kamee hat sich der Steinschneider für eine bedeutende Vorlage entschieden, für den Kupferstich "Das Meerwunder" aus dem Jahre 1497/98 von Albrecht Dürer (1471-1528). Die Ikonologie der Szene ist unsicher und läßt eine klare Interpretation offen.
Die nackte Syme ruht auf der Flanke des nach rechts schwimmenden Glaukos. Der Meeresbewohner Glaukos ist als vollbärtiger Alter mit Gehörn, Fischunterleib und einem Schildkrötenpanzer, den er in seiner Linken vor sich hält, dargestellt. Die beiden Gestalten scheinen auf einem kräftig geschwungenem Wellenband zu gleiten. Im Hintergrund ist eine Burganlage zu sehen. Bei Dürers "Meerwunder" sieht man im Hintergrund die zum Ufer fliehenden Gespielinnen der Entführten, den entsetzt herbeieilenden Vater und die trauernde Mutter. Bei dem Kasseler Steinschnitt fehlt diese dramatische Szene. Die Nymphe Syme hat auf der Kamee eine schlichtere Frisur im Gegensatz zur Dürer-Vorlage, bei der Syme eine aufwendige mailändische Haartracht trägt. Dürer könnte diese Kleidung während seiner Reise nach Venedig im Jahre 1494 oder durch die Graphik kennengelernt haben. Eigenwillig abgespreizt ist Symes Hand bei der hier besprochenen Kamee. Die Titelbezeichnung "Das Meerwunder" stammt von Dürer selbst und wird in seinem "Tagebuch der Reise in die Niederlande" von 1520 erwähnt. Das Blatt wurde schnell berühmt, bereits Vasari bezeichnete die gelagerte, sehr reizvolle Aktfigur als Nymphe.
Völkel spricht von einer Amphitrite oder Nereide, die auf einem Meergott durch das Wasser reitet. Bereits Hans Möbius erkannte als verwendete Vorlage (Möbius 1929, S. 52) für den Kameo den Kupferstich "Das Meerwunder" von Albrecht Dürer (AK Nürnberg 1971, Nr. 516). Möbius erwähnt ihn als Beispiel dafür, daß man Kompositionen zeitgenössischer Maler und Kupferstecher unbedenklich auf den Steinschnitt übertragen hat.
"Das Meerwunder" wurde häufig in Kameendarstellungen umgesetzt, es existieren zahlreiche Varianten. Ein ähnlicher Kameo befindet sich in Berlin (Furtwängler 1896, Nr. 11645). Eine weitere Variante befindet sich in der Münzsammlung in München (Weber 1992, Nr. 86), jedoch hält Syme dort ein Tuch in ihrer erhobenen Rechten, Glaukos trägt kein Gehörn und die Burganlage im Hintergrund fehlt. Zwei weitere, etwas kleinere Versionen befinden sich in Schweizer Privatbesitz und in Schloß Windsor. Nochmals zwei Parallelstücke sind in der Eremitage in St. Petersburg (Kagan 1973, Nr. 57; Inv.Nr. K 2267 und K 2247).
Der Kasseler Kameo dürfte das größte bekannte Exemplar sein. Besonders besticht die differenzierte Auswahl und Bearbeitung des verwendeten Steines. Die Farbnuancen reichen vom Weiß der Figuren und Wellen bis ins feine Rosa zum transluziden hellgrauen Hintergrund.
Die Zuordnung an einen bestimmten Steinschneider ist besonders schwierig, es kann an die Dürer-Renaissance am Hof Rudolfs II. (1552-1612) und damit an das Ende des 16. Jahrhunderts gedacht werden.

Stand: April 2006


Inventare:
  • Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., Nr. Tab. IV. 46.
  • Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. IV. 46.
  • Gemmenliste ohne den Pretiosenbestand, aufgestellt von Eduard Pinder zwischen 1882 und 1897. SMK, Archiv HLM. 1882-1897, Nr. Tab. II. 41.
Literatur:
  • Adolf Furtwängler: Beschreibung der geschnittenen Steine im Antiquarium. Königliche Museen zu Berlin. Berlin 1896, Kat.Nr. Nr. 11645, Taf. 70.
  • Möbius, Hans: Kameenschmuck im hessischen Landesmuseum. In: Gold - Silber - Eisen. Festschrift. (1929), S. 252-254, S. 52.
  • Ingrid S. Weber: Kostbare Steine. Die Gemmensammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz. München 1992, Kat.Nr. Nr. 86.
  • Schmidberger, Ekkehard; Richter, Thomas; Eissenhauer, Michael [Hrsg.]: SchatzKunst 800-1800. Kunsthandwerk und Plastik der Staatlichen Museen Kassel im Hessischen Landesmuseum. Wolfratshausen 2001, S. 151, Kat.Nr. 59.


Letzte Aktualisierung: 16.03.2026



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