Brustbild eines Schwarzen Mannes
Brustbild eines Schwarzen Mannes
|
| Inventar Nr.:
|
KP B XVI. Tab. B-V-5 |
| Bezeichnung:
|
Brustbild eines Schwarzen Mannes |
| Künstler / Hersteller:
|
unbekannt
|
| Datierung:
|
2. H. 16. Jh.; 2. H. 16. Jh./Anfang 17. Jh., Fassung |
| Objektgruppe:
|
Gemme / Kamee |
| Geogr. Bezug:
|
Italien oder Frankreich |
| Material / Technik:
|
zweischichtig: dunkelbraunes Relief auf weißem Grund |
| Maße:
|
mit Fassung ohne Öse 4,83 x 4,24 x 0,85 cm (Objektmaß)
|
Beschriftungen:
|
Aufkleber: rückseitig Aufkleber (Typ C): "646";
|
Katalogtext:
Eindrucksvoll in seiner klassischen Schlichtheit zeigt der künstlerisch qualitätvolle Kameo das Brustbild eines ernst blickenden Mohren, nach links gerichtet. Das ausgeprägte Profil zeigt eine breit gedrückte Nase, volle Lippen und ein energisch vorstehendes Kinn. Die Pupille ist von oben angestochen. Die Frisur ist schematisch aus gleichmäßigen kleinen Kräusellocken gebildet. Der Dargestellte trägt einen Brustpanzer und eine auf der linken Schulter durch eine Schließe gehaltene Toga, die in gleichmäßigen Falten schüsselförmig vor der Brust herabfällt.
Der zweifarbige Stein eignet sich besonders gut für die Mohrendarstellung und ergibt einen effektvollen Hell-Dunkel-Kontrast. Das figürliche Relief ist aus der tiefbraunen oberen Schicht geschnitten, der Hintergrund aus der weißen Schicht. Das Inkarnat setzt sich in weicher Mattheit von dem glatt polierten Haar, dem Gewandstück und dem Hintergrund ab, so daß der Gesichtsausdruck stark zur Wirkung kommt.
Weber datiert einen Münchner Kameo mit einem "Brustbild eines Negers" ins frühe 17. Jahrhundert (Weber 1992, Nr. 180). Der Kasseler Kameo ist im Typ des Profilporträts (die Mohrendarstellungen sind häufiger frontal dargestellt) zwar ähnlich, aber wegen seiner Strenge sicherlich früher zu datieren.
In der Regel wurden die zahlreichen Mohren-Kameen dieser Epoche bisher als "Italien, 16. Jahrhundert" (Eichler/Kris 1927, Nr. 294) bestimmt. Die qualitätvolleren Stücke wurden allgemein der Prager oder Mailänder Miseroni-Werkstatt zugeschrieben. Distelberger revidierte bei einem Commesso "Diana als Mohrin" der Wiener Kunstkammer seine frühere italienische Zuschreibung (R. Distelberger, in: AK Essen/Wien 1988, Bd. 2, Nr. 715). Weber erwähnt bei einer Gruppe von Mohren-Kameen die betonte Kontrastwirkung von polierten und unpolierten Flächen (Weber 1992, Nr. 198). Aufgrund der kontrastreichen Behandlung der Oberfläche schließt sie eine Entstehung in Frankreich nicht aus. Diese Meinung greift Distelberger bei dem oben erwähnten Wiener Commesso nach einer eingehenden Untersuchung auf und bezeichnet ihn als französisch, vor 1560 (R. Distelberger, in: AK Wien 2002, Nr. 130). Er nennt folgende Kriterien: "Die Kamee ist ganz in antikischem Stil gearbeitet: strenges Profil, ohne Unterschneidungen und relativ flaches Relief. Darin unterscheidet sie sich prinzipiell von den Mohrinnen der Miseroni. Sind diese bewegt und vom reichen Gekröse des Schmucks und der Draperie umgeben, so strahlt die Diana größte Ruhe und Harmonie aus ... Die Augen sind nicht gestochen. Der Wechsel zwischen matten und polierten Teilen, wie hier zwischen Inkarnat und Haar bzw. dem hellen Grund, ist charakteristisch für französische Kameen."
Beim Detailvergleich mit dem Kasseler Mohren-Kameo überwiegen die von Distelberger aufgestellten 'französischen' Kriterien: "der extreme Klassizismus, die parallelen Faltenschwünge, die differenzierte Gestaltung der Haare und der Wechsel zwischen matten und polierten Teilen". Trotz dieser gemeinsamen Merkmale fällt die Entscheidung bei dem Kasseler Stück schwer, ob es italienisch oder doch französisch ist.
Seelig befaßte sich ausführlich in der Ausstellung "Mohrenkopfpokal von Christoph Jamnitzer" (L. Seelig, in: AK München 2002, S. 87f.) mit dem Mohrenthema in der Glyptik und bezeichnete noch die dort abgebildete Wiener "Diana als Mohrin" (L. Seelig, in: AK München 2002, S. 88, Abb. 54) als " Miseroni-Werkstatt, Mailand". Er vertritt die Ansicht, daß "das Thema des Schwarzafrikaners fast ausschließlich von italienischen Künstlern in den verschiedensten Gattungen, von dem schmuckhaften Kameo und der preziösen Statuette bis zur monumentalen Plastik, behandelt wird. Erst vom früheren 17. Jahrhundert an wenden sich niederländische Bildhauer verstärkt den Afrikaner-Darstellungen zu, was sich möglicherweise auch aus der zunehmenden Präsenz von Schwarzen in den Seehäfen der Niederlande erklären mag."
Beispielhaft zeigt die Diskussion dieses Mohren-Kameos, wieviel Forschungsbedarf noch besteht und welche Bedeutung der Klärung der verschiedenen Steinschneidezentren zukommt.
Stand: April 2006
Inventare:
- Verzeichniß der geschnittenen Steine. (verfertigt von L. Voelkel 1791.) SMK, Archiv HLM., Nr. Tab. XXII. 5.
- Vorliegendes Inventar der Gemmen des Museums zu Cassel wurde nach vollzogener Umordnung sämtlicher Gemmen von mir aufgestellt und abgeschlossen im Mai dieses Jahres., Nr. B. Tab. V. 5.
- Verzeichniß der im Pretiosen Schrank befindlichen Gegenstände. / In dem folgenden Verzeichniße sind alle Gegenstände beschrieben, die sich gegenwärtig (1827) im Pretiosen Schrank befinden. [...] Dr. Völkel. SMK, Archiv HLM. 1827, Nr. B II. 646.
- Verzeichniß der aus der Gemmen=Sammlung in den Preziosenschrank versetzten geschnittenen Steine und Muscheln, die unterstrichenen sind nicht gefaßt, Cassel, den 19. April 1881. A. Lenz. SMK, Archiv HLM. 1881, Nr. V. 646.
Literatur:
- Fritz Eichler; Ernst Kris: Die Kameen im Kunsthistorischen Museum (Publikationen aus den Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Bd. II). Wien 1927, Kat.Nr. Nr. 294, Taf. 40.
- Schmidberger, Ekkehard: Edelsteinschnitt des Barock - Die Künstler am hessischen Landgrafenhof. In: Kunst & Antiquitäten (1986), S. 40-51, Abbildung S. Abb. 9.
- Prag um 1600. Beiträge zur Kunst und Kultur am Hofe Rudolfs II. Ausstellungskatalog. Essen, Villa Hügel, Kulturstiftung Ruhr. Freren 1988, Kat.Nr. 715.
- Ingrid S. Weber: Kostbare Steine. Die Gemmensammlung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz. München 1992, Kat.Nr. Nr. 180, 198.
- Jamnitzer, Moritz; Eikelmann, Renate [Hrsg.]; Seelig Lorenz [Bearb.]: Der Mohrenkopfpokal. München 2002, S. 87, 88, Kat.Nr. 54.
- Schnackenburg-Prael, Heidi: Bestandskatalog der nachantiken Kameen in der Sammlung Angewandte Kunst der Staatlichen Museen Kassel (Online-Kataloge der Staatlichen Museen Kassel). Kassel 2006, Kat.Nr. B XVI. Tab. B-V-5.
- Bungarten, Gisela [Hrsg.]: Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa. Ausstellungskatalog. Kassel, Museumslandschaft Hessen Kassel. Petersberg 2018, S. 313-315, Abbildung S. 314, Kat.Nr. VII.16.
Letzte Aktualisierung: 17.03.2026